Shu-Ha-Ri, bald wird geschätzt wie nie!

Diese Woche geht es um Shu-Ha-Ri und seine Bedeutung für mich in der Praxis. Betrachtet wird dabei weniger die Art des Lernens, sondern mehr die Denkweise. Als Beispiel soll eine kürzliche Erfahrung bei einem Kunden dienen.

Shu-Ha-Ri – was es für mich bedeutet

Bevor ich übergehe zu meinem Beispiel möchte ich kurz erklären was Shu-Ha-Ri für mich bedeutet und weswegen ich diese Denkweise gerne nutze. Frei übersetzt bedeuten die drei Teile lernen (shu)abschweifen (ha) trennen (ri), welche man auch als drei Stufen des Lernen bezeichnen könnte. Das Prinzip und der Ablauf ist leicht erklärt:

  1. halte dich an die Muster
  2. passe das Muster an deine Situation an
  3. löse dich von den Mustern, um deren zu Grunde liegende Idee anzuwenden

Ziel des ganzen ist, sich selbst oder das was man tut zu verbessern. Ich mag dieses Prinzip, da es für mich die einfach Konsequenz bedeutet:

Wenn deine Performance sinkt, prüfe in wie weit du dich von der Lehre entfernt hast und gehe eine Stufe zurück.

Schätzworkshop – wie wir genauer werden

Wir hatten vor wenigen Wochen einen Workshop beim Kunden, der sich primär mit dem Thema Aufwandsschätzung befassen sollte. Eingeladen wurde von unserem Scrum Master, da das Thema Aufwandsschätzung bereits mehrfach in der Retrospektive erwähnt wurde. Bevor ich kurz den Gesprächsverlauf skizziere, möchte ich noch kurz auf ein paar Hintergrundinformationen eingehen, um die Situation ein wenig ins Licht zu rücken.

Das Team arbeitet seit mehr als zehn Jahren mit mehreren weiteren Teams an einem gemeinsamen Produkt. Seit wenigen Jahren arbeiten die Teams agile im Vorgehensmodell Scrum. Die Skalierung und Koordination der Teams wird mit ScrumOfScrum (SOS) umgesetzt. Es gibt für jedes Team einen ProductOwner. Aktuell werden Stories in StoryPoints (SP) geschätzt und die Unteraufgaben zusätzlich mit PersonenTagen (PT). Die SP bewegen sich fast ausschließlich im Bereich 1 bis 3. Sobald eine Story höher war als 3, wurde versucht die Story zu schneiden, meist erfolgreich.

Eingeleitet wurde das Meeting zum Thema Schätzen mit Erinnerungen an vergangene Retrospektiven, aktuelle Schätzungen in den Scrum-Zeremonien sowie projektspezifischen Statistiken. Nach der kurzen Einleitung wurden wir zum offenen Dialog eingeladen mit dem (stetigen und kontinuierlichen) Ziel uns zu verbessern.

Während der Diskussion wurden als Schmerzen überraschender Mehraufwand während des Sprints genannt. Genau wie unregelmäßige Liefertreue (commitments), hohe Rüst-/Wartezeiten und dass niedrig priorisierten Aufgaben früh angefangen werden, da diese sonst nicht bis zum Sprintende fertig werden. Nachdem der Schmerz identifiziert wurde, haben wir reflektiert welche Wünsche und Absichten wir mit unseren Schätzungen erzielen wollen.
Von allen Beteiligten wurde gewünscht, dass die Liefertreue steigt und wir unser Commitment öfter einhalten. Folgende Aspekte haben wir identifiziert, welche uns von diesen Zielen abgehalten haben (könnten):

  • fehlende Disziplin bei der Abarbeitung von priorisierten Aufgaben
  • bei längeren Wartezeiten haben wir neue Aufgaben angefangen
  • hohe Anzahl an gleichzeitigen Arbeiten (Stories)
  • unser Baugefühl bei der Sprintplanung ignoriert
  • Sprint bis zur Obergrenze (Personentage) verplant

Für die jeweiligen Aspekte gab es unterschiedliche Lösungsvorschläge. Das Spektrum der Lösungen ging von innovativ, über alt bekannt und verschiedenen Variationen derer hin zu „wir schätzen gar nicht mehr“. Welche der Verbesserungsvorschläge in den nächsten Sprints versucht werden soll, wird in der nächste Retrospektive diskutiert und entschieden. Deshalb kann ich aktuell die Frage „wie wir genauer werden“ nur mit der einfachen Aussage beantworten:

„wir versuchen uns stetig und kontinuierlich zu verbessern“

Shu-Ha-Ri – wann wechselt man die Stufe

Während des oben skizzierten Workshops konnte ich nicht anders als durchgehend an Shu-Ha-Ri zu denken. Ich stellte mir immer wieder die Frage: „warum gehen wir nicht zurück zur Lehre?“. Dabei bezog ich mich die ganze Zeit auf den Aspekt Schätzmethode. Ich habe die anderen genannten Aspekte ebenfalls verstanden und im Nachhinein betrachtet häufiger erlebt, als ich es zunächst wahrgenommen habe.

Durch die produktive Diskussion und dem gemeinsamen Verständnis wohin wir als Team wollen wurde mir klar, dass es nicht immer einfach nur schwarz und weiß gibt. Die Vorschläge und Denkweisen hatten mehrere Facetten, was ein klares „wir gehen zurück zur Lehre“ oder „wir lösen uns gänzlich vom Muster“ unmöglich machte. Wenn ich meine bisherigen Gedanken und Meinungen zu vergangenen Themen rückwirkend betrachte, dann war ich meistens ein Verfechter der „zurück zur Lehre“ Bewegung.

Meine bisherige Schlussfolgerung, dass wenn die Performance sinkt man zurück zur Lehre soll, hat sich seit dem Workshop ein wenig gelockert. Ich empfinde weiterhin bei Performance einbußen den Drang mir die Lehre ins Gedächtnis zu rufen. Doch von diesem Workshop inspiriert ertappe ich mich immer öfters bei Gedankenspielen die sich von den Mustern lösen und andere Wege beschreiten.

Deswegen werde ich für mich die Frage „wann wechselt man die [shu-ha-ri] Stufe“ zukünftig so beantworten:

Wenn deine Performance sinkt, prüfe in wie weit du dich von der Lehre entfernt hast und überlege ob du bereit bis für [Ri], ansonsten geh zurück zu [Shu]

Der Artikel ist auch in english verfügbar.

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